Bericht November 2023

Liebe Fonmeh-Freunde, Paten und Unterstützer,
es ist kaum zu glauben, dass ich Ende Oktober/Anfang November nach Haiti reisen konnte! Wegen der Sicherheitslage in Port-au-Prince habe ich diese Reise nicht mit allzu großer Freude angetreten, es war eher eine Pflicht- und Verantwortungsreise. Begleitet haben mich Miranda und Renate (85 Jahre alt). Miranda leitet in der Schweiz eine Hilfsorganisation, die ebenfalls ein Waisenhaus und auch eine große Schule in Haiti hat, die wir besucht haben. Beide habe ich vor einem Jahr auf einer Freizeit in der Schweiz kennengelernt. Danach haben wir uns bei mehrmaligen Treffen ausgetauscht und mittlerweile ein Netzwerk mit fünf Organisationen aus Deutschland und der Schweiz, die
alle Projekte in Haiti haben und vor ähnlichen Herausforderungen stehen wie wir. So können wir alle voneinander lernen.

Unsere Reise begann in Zürich und nach einer Übernachtung in Miami ging es weiter nach Port-au-Prince. In der Hauptstadt wollten wir keinesfalls übernachten, ja möglichst nicht das Flughafengelände verlassen. Eine befreundete Airport-Mitarbeiterin erreichte, dass wir wie Diplomaten empfangen und beschützt wurden und unbehelligt weiterfliegen konnten. Um 16 Uhr kamen wir in Les Cayes an. Da ich die Kinder sofort sehen wollte, war ich nur kurz im Übernachtungshaus. Die Kinder empfingen mich im Waisenhaus mit Musik – und es war eine helle Freude zu sehen, wie gut sie die Musikinstrumente beherrschten, die erst mit dem Container im Sommer eingetroffen waren. Nach einem kurzen Überblick durch die dortige Leitung stellten wir Pläne für die kommenden Tage auf.
Wichtigste Feststellung: Die Kinder werden erwachsen! Wir haben jetzt lauter Teenager im Haus. Manche haben schon eine Freundin oder einen Freund, viel Liebeskummer usw. Für die Leitung ist das nicht einfach. Manche wollen mehr Freiheiten, was aber die Sicherheitslage sowie die Gefahr ungewollter Schwangerschaften nicht erlauben. Viele Kinder bemühen sich sehr mitzuhelfen und Aufgaben zu übernehmen. Viele Kinder konnte ich für ihr Engagement ehren.

Ein großes Problem, das uns von Anfang an begleitet, sind die notwendigen Reparaturen am und im Haus. Ein Haus bedeutet nun mal, dass immer wieder in die Instandhaltung investiert werden muss. In unserem Haus leben ca. 40 Menschen, die tagtäglich die Einrichtungen benutzen, also auch abnutzen. Es ist aber auch in Haiti schwierig, verlässliche Handwerker zu finden. Deshalb habe ich jemand gesucht, der Elektriker, Maurer, Fliesenleger, also Allrounder ist. Nach vielen Gesprächen haben wir jemand gefunden, den ich sogar kenne. Wir haben ihn kurzerhand als Haustechniker angestellt. Das kostet zwar ca. 150 US-Dollar im Monat, aber es ist einfach nötig.
Weitere kleine Mängel wurden aufgedeckt: So musste ich feststellen, dass wir keine Erste-Hilfe-Ausrüstung im
Haus hatten, und auch das ist inzwischen gelöst. Unsere Bemühungen um eine Ärztin, die uns langfristig unterstützen
kann – eine auch vom Sozialamt auferlegte Pflicht –, waren erfolgreich!

Personal
Miranda und Renate waren sehr erfreut über unsere wunderbare relativ junge Leitung. Wir sind wirklich sehr dankbar
für das Team, das unser Waisenhaus betreut. Es ist alles nicht perfekt, aber gemeinsam versuchen wir jeden Tag, etwas ein bisschen besser zu machen. Die Kinder werden größer und die Aufgaben auch. Die Teenager helfen mit, aber weil sie viel für die Schule tun müssen, bleibt leider nur wenig Zeit übrig. Wir brauchen also dringend mehr Personal. Zudem ist die Inflation in Haiti mit über 40 % erschreckend hoch, was höhere Lebenshaltungskosten verursacht.

Nähwerkstatt
Unsere Nähwerkstatt, von Daniela Leiser nach einer Haiti-Reise initiiert, läuft hervorragend. Wir sind ihr sehr dankbar dafür. Mittlerweile wurde sogar eine Filiale eröffnet, in der rund 30 weitere Jugendliche ausgebildet werden. Ich bin sehr begeistert darüber, was sie bisher gelernt haben. Auch dieses Projekt braucht noch unsere Unterstützung: für unsere Kinder – und auch die von außen kommenden haben oft nicht einmal das Geld, um Material zu kaufen. Momentan überlegen wir, wie es weitergehen kann.

Landwirtschaft
Das Landwirtschaftsprojekt haben wir, wie berichtet, letztes Jahr gestartet. Es sollte der Eigenversorgung des Hauses dienen, doch leider hat es kaum geregnet, so dass es lange Schwierigkeiten gab. Jetzt sieht es aber gut aus, worüber wir uns sehr freuen! Einiges gibt es freilich auch hier noch zu optimieren.

Musikschule
Die Musikschule läuft super. Die meisten Kinder haben ein Instrument gelernt und manche sind schon so gut, dass sie andere an einem Instrument unterrichten können. Künftig könnten sie mit Auftritten selbst für kleine Einnahmen für die Musikschule sorgen.

Sonstiges
Die Beseitigung der Erdbebenschäden von 2021 ist ein großes Paket, das wir immer noch zu schultern haben. Ein Kostenvoranschlag über rund 40.000 US-Dollar für die Reparaturen liegt uns vor. Das Angebot gilt bis zum Jahresende, danach wird es noch teurer. Mit staatlicher Unterstützung können wir nicht rechnen, daher hoffen wir auf viele kleine und große Spenden. Ein Weihnachtswunder wäre es, wenn wir das Geld bis Weihnachten bekommen würden! Falls ihr dafür spenden wollt: Gebt bitte bei der Überweisung „Erdbeben 2021“ an. Wir sind dafür sehr dankbar!
Betroffen sahen wir große Zahl der Straßenkinder in Les Cayes. Sie haben teils keine Eltern mehr oder können aus finanziellen Gründen nicht zur Schule gehen. Tag und Nacht verbringen sie damit, ein bisschen Geld für Essen zu verdienen, etwa mit Autowaschen. Das jüngste so angetroffene war erst zehn Jahre alt! Ein Kind in unserem Waisenheim sagte mir: „Wie wäre es, wenn wir die Hilfe für uns reduzieren, damit wir diesem Kleinen helfen können?“ Ich war sehr gerührt, dass es unserem Kind bewusst war, wie schlecht es diesem Kind geht und wie gut ihm selbst.
Eine praktische Lösung wäre, ein Haus in Les Cayes zu mieten und eine Betreuer-Familie anzustellen, die sich um diese Straßenkinder kümmern könnte. Für den Anfang könnten wir mit ca. 1000 US-Dollar im Monat die Betreuungsfamilie und für sechs Kinder das Schulgeld bezahlen. Ich bin sicher, unsere Welt hat genug für alle.
Vielleicht habt ihr Freunde oder Bekannte, die ein solches Projekt unterstützen würden.
Noch etwas Erfreuliches: Unsere Katiana hat im Juli sehr gute Abiturnoten erreicht. Sie war immer fleißig, weil sie unbedingt etwas im Leben erreichen will, damit sie später andere Kinder und Familienangehörige unterstützen kann. Sie möchte gerne Medizin studieren, aber wir wissen leider noch nicht, wie wir das ermöglichen sollen. Wegen der Banden, die in Port-au-Prince ihr Unwesen treiben, können wir sie schlecht in die Hauptstadt zum Studium schicken.
Alternativen wären, in Kanada oder in Deutschland zu studieren, doch diese Wege sind sehr schwierig und mit hohen Kosten verbunden. Momentan ist sie in einer Sprachenschule, um ihr Englisch zu vertiefen. Und im Heim hilft sie den Kindern bei den Hausaufgaben. Wir wollen Katiana ermutigen und ihr ein Studium ermöglichen. Es wäre klasse, wenn wir eigens dafür unter dem „Kennwort Katiana“ Spenden bekommen würden – und dann baldmöglichst ihre Ausbildung in die Wege leiten können.


Wir waren glücklich, dass wir mit unseren Kindern und den Angestellten einen Ausflug auf eine kleine Insel in der Nähe von Les Cayes machen konnten. Sie waren alle sehr begeistert, ja ein Traum ging für sie in Erfüllung.

Es gäbe noch sehr viel zu erzählen, dazu mehr in den nächsten Berichten. Unsere Kinder im Waisenhaus sind sehr dankbar für die Unterstützung, die sie bekommen! Dabei ist ihnen bewusst, dass es auch hier in Deutschland nicht „Geld regnet“. Unsere Arbeit wird hauptsächlich von Menschen getragen, die nicht sehr viel Geld haben, darum hat für uns jede eurer Spenden einen besonders großen Wert. Auch viele Kirchengemeinden und Schulen unterstützen dankenswerterweise unsere Arbeit. Ich möchte hier auch das Bewusstsein wecken, dass es auf dieser Erde nicht selbstverständlich ist, jeden Tag etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf zu haben, dass jedes Kind in die Schule gehen kann und wir hier in Frieden leben dürfen. Möge Dankbarkeit auch euer Herz erfüllen und ihr alle ein schönes, glückliches und friedliches Weihnachtsfest feiern. Wir wünschen euch den Mut, Entscheidungen zu treffen, die nicht einfach, aber sehr wichtig sind – weil ihr GUTES für andere tut.

Vielen Dank für alles – im Namen unserer Kinder und unseres FONMEH-Teams
euer Mondi Benoit